Dienstag, 2. November 2021

Sardinien

Sardinien hat uns total begeistert. Waren wir am ersten Tag noch recht müde von der Fährfahrt und das Wetter ein bisschen grau am Morgen, so wurde es im Verlauf des Tages herrlich sonnig und wir von der Schönheit des Meeres und der Strände begeistert. Sardinien hat wirklich alles was man sich wünscht. 
Für's Radfahren wünscht man sich sicherlich unter anderem weniger Berge, aber auch das tat unserer Begeisterung für die Insel keinen allzu großen Abbruch. 


Fluchen waren wir ja schon gewohnt. Und belohnt wurden wir mit herrlichen Aussichten, wunderschönen Berg- und Felslandschaften, heißen Quellen, schneeweißen Stränden mit glasklarem Meer und dazu Sonne satt. Wir fuhren mit den Fahrrädern ab Porto Torres ostwärts und immer an der Nordküste entlang.

Lauras Fahrrad machte zwischendurch Probleme und zudem brachen die Schrauben ihres Fahrradständers in einer stürmischen Nacht. Willkommen im Club. Im nächsten Ort fanden wir eine Autowerkstatt, die den Ständer wieder montierte. Da es aber auch Schwierigkeiten mit Bremse und Schaltung gab, suchten wir noch den Fahrradverleih des Ortes auf. Die Leute müssten ja Ahnung haben.
Maurizio von "good mood cycling" hatte sowas von Ahnung und wie sein Slogan versprach wandelte sich unsere Stimmung von Ärger und Frust wieder in "good mood". Wir verbrachten den ganzen Nachmittag bei ihm und er zeigte uns wie wir die Räder richtig sauber machen und welche Schraube wir wo nachziehen können. 
Danach liefen die Räder wieder wie geschmiert. Im wahrsten Sinne des Wortes. 
Eines unserer Highlights war die Insel La Maddalena nordöstlich von Sardinien und vor allem die Nachbarinsel Caprera. Caprera ist ein einziges großes Naturschutzgebiet. Die Strände sehen aus wie in der Karibik. Und in der Inselmitte trohnen Pinienbäume und Felsen. Richtig schön! Hier leben auch Wildschweine, die sich so gar nicht an den Besuchern stören und viele wilde Katzen. Alle zusammen liegen sie meist faul in der Gegend herum oder betteln einen an. 


Im Osten trafen wir dann noch einmal unsere Freunde, die inzwischen auch auf Sardinien angekommen waren. Wir blieben zwei Tage mit ihnen an einem wunderbaren Strand und bewegten uns und die Räder mal nicht.

Da wir unsicher waren, wie lange wir für die Überquerung des Landesinneren brauchten, machten wir uns dann aber wieder auf den Weg um die Insel von Ost nach West zu kreuzen. Die ganze Runde würden wir leider in unserer geplanten Inselzeit nicht schaffen. Landesinnere bedeutete viiiieeele Berge. Die Route mit dem kleinsten Übel verkündete 220km Strecke mit 2000 Höhenmetern. Davon die meisten auf den ersten 120 Kilometern. Ohje! 
Aber irgendwie klappte es dann aber doch und sogar viel schneller und besser als gedacht. Am Nachmittag des zweiten Tages erreichten wir platt den Ort Alghero an der Westküste. Und machten erst einmal drei Tage Pause auf einen Campingplatz, bevor wir schließlich noch die Nordspitze erkundeten und unsere Rundtour in Porto Torres vollendeten.
Unser Fazit zu Sardinien: Was eine wundervolle und abenteuerliche Insel! Irgendwann vollenden wir vielleicht mal unsere Runde und schauen uns den Süden an. Aber nun geht es erst einmal weiter.

Die Fähre nach Marokko hatten wir schon längst gebucht. Wir mussten nur noch einmal zurück nach Genua, um ein Päckchen einzusammeln. Dann sollte es mit der Fähre nach Tanger, Marokko gehen.

Und wie so oft, kommt alles anders: Vor ein paar Tagen änderte Marokko dann aber wieder die Einreiseregeln. Für Deutsche würde es nun schwieriger werden einzureisen und die Regeln vor Ort sollten auch strenger geworden sein. Plötzlich stellten wir das alles in Frage. Was, wenn Marokko wieder komplett dicht macht und wir nicht mehr wegkommen? Dort kann man nicht "einfach so" ins Nachbarland flüchten. Was, wenn der Fährverkehr nach Italien und Frankreich auch lahmgelegt würde, wie jetzt schon mit Spanien? Was, wenn im Land eh alles zu hat und wir nichtmal campen können? Irgendwie war uns das alles nicht geheuer und im Nachhinein ärgern wir uns auch ein bisschen, dass wir nicht doch einfach gefahren sind. 

Plan C ist aber auch eine gute Alternative. Und so sitzen wir gerade auf der Fähre nach Barcelona und werden in den nächsten Wochen die Küsten von Spanien und Portugal erradeln. So weit es geht und so viel wir Lust haben. Und dabei neue Pläne schmieden. 











Über die Alpen und ab ans Meer

Nachdem wir am Bodensee leider erfolglos auf Jobsuche waren, musste ein Plan B her. Eigentlich stand schon länger fest, dass wir der Wärme und Sonne folgen wollten. Wenn da nicht die Alpen im Weg wären. Wir dachten eigentlich nicht, dass das eine Option für uns sei. Eigentlich würden wir ja gerade in einem französischen Weinberg hocken. Aber die Idee, mit den Rädern ohne motorische Hilfe zum Meer zu gelangen, klang schon ziemlich cool. Und anstrengend. Also informierten wir uns, was wir überhaupt hinkriegen könnten und vor allem wie schnell. Plötzlich hieß es nämlich, dass es in ein paar Tagen für länger regnen würde. Gleichzeitig sank die Schneefallgrenze immer weiter. Also mussten wir recht schnell entscheiden. Und fuhren weiter.









Wie versprochen war es mega anstrengend und jeder Höhenmeter einige Schimpfworte wert. Wir lachten und fluchten uns die Berge hoch. Auf dem St. Bernardino war es dann vollbracht. Der Pass war mit einer Höhe von 2066 Metern erklommen und wir stolz wie Bolle. Zitat Laura während der Fahrt: "Wir sind solche Monster!". Ca. 30 Sekunden später :"Aua, ich habe eine Fliege im Auge!".  

Ein Teechen, ein paar Fotos und ein paar abgefrorene Finger später ging es dann rasant bergab. Was ein Spaß! Hatten wir für die ersten 40km an dem Tag rund 5 Stunden gebraucht, so sausten wir nun nochmal 50 Kilometer einfach bergab. Abends gönnten wir uns eine Pizza und ein Bier. Und waren fertig.

Ab Lago Maggiore ging es dann durch Norditalien entlang eines alten Kanals. Wir fanden wunderbare Plätze für uns und unser Zelt und hatten lediglich ein paar nasse Tage, an denen wir uns eine Hütte (besetzt von hunderten Stinkwanzen) auf einem Campingplatz gönnten.

Anschließend machten wir uns auf, um Freunde wiederzusehen, mit denen wir letztes Jahr schon in Italien und Griechenland unterwegs waren. Mit ihnen verbrachten wir zwei lustige und entspannte Tage. 
Dabei entstand auch die Idee nach Sardinien zu fahren. Also radelten wir bis Genua und nahmen einige Tage später die Fähre nach Porto Torres. 



Donnerstag, 23. September 2021

Der Rheinradweg

Da saßen wir nun fragend vor dem Freibad.
Und hatten gerade erfahren, dass die Weinlese in Frankreich nicht stattfindet. Kurz bevor wir in den Flixbus nach Reims steigen wollten. 
Dann mussten wir lachen und beschlossen einfach weiter den Rhein hoch zu fahren. Wir hatten uns eh gerade daran gewöhnt. Jeden Tag vor uns hinradeln, die Gegenden erkunden, Päuschen am Rhein machen, die Räder durch urige Orte schieben und abends einen Platz am Wasser, im Wald oder auf einem Berg finden. Wir lernten über die Plattform 1nitetent nette Leute kennen, wurden an weitere Bekannte vermittelt, wurden spontan in den Garten zum Übernachten eingeladen, hatten Wegbegleitung und und und. 


Wir merken, dass wir mit vollbepackten Rädern noch öfter angesprochen werden als mit den Rucksäcken. Wir bekommen Obst und Müsliriegel zugesteckt und die Leute finden es toll von ihrer Heimat oder auch den eigenen Abenteuern erzählen zu können.

Eine schöne Abwechslung war es auch für uns, als Moritz beschloss sich uns ein paar Tage anzuschließen. Wir lernten ihn in Geralds Garten in Freiburg kennen (danke an dieser Stelle noch einmal an Gerald!). Moritz hatte gerade Urlaub und machte seine erste größere Radreise für zwei Wochen. Mit für unsere Verhältnisse wenig Gepäck aber auch für unsere Verhältnisse unmöglich vielen Kilometern in dieser Zeitspanne. Dafür musste er nun mal ein paar Tage entspannter fahren, wenn er dabei sein wollte. Wir fanden schnell ein gutes Mitteltempo und hatten viel Spaß. Moritz motivierte uns die Berge hochzuhecheln und wir motivierten ihn, einfach mal langsamer zu fahren und sich nicht zu hetzen. Danke Moritz, für die lustigen Tage!


Das Leben im Zelt oder mittlerweile auch oft unter Schutzdächern im Wald ist übrigens für uns viel einfacher geworden. Auf jeden Fall liegt es unter anderem daran, dass es so viel leichter ist mit dem Rad nochmal ein bisschen herumzufahren und geeignete Orte anzuschauen. Wir können viel mehr Erkunden und Suchen als zu Fuß. Da musste jeder Schritt nach den gelaufenen Kilometern gut überlegt sein. Auch an einige Geräusche haben wir uns viel mehr gewöhnt. Da diskutiert man durch die Zeltwand  auch schon mal mit dem Fuchs, wer hier gerade wo sein darf. 

Auf der Route den Rhein hoch haben wir so viele schöne Orte erkundet. Der Rhein verändert sich auch andauernd und die Umgebung sowieso. Schlösser und Burgen, dann Weinberge, Wälder, Täler, Auen... 



Uns wurde mehrmals das schweizer Örtchen 'Stein am Rhein' empfohlen und so hatten wir hohe Erwartungen. Wir wurden nicht enttäuscht. Was ein wunderschönes Städtchen! Seht selbst.


An der Brücke über den Rhein stand eine schweizer-englische Familie. Vater und Sohn standen auf der anderen Seite des Geländers und waren drauf und dran in den Rhein zu hüpfen. Tatsächlich stehen dort Schilder "Springen auf eigene Gefahr" und dass man den Bootsverkehr beachten solle. Also ist es theoretisch möglich... Wir waren Tage zuvor schon ein paar Mal am Ufer des Rheins planschen gewesen und fanden es schon unglaublich taff von uns. Wenn man aus unserer Ecke Deutschlands kommt weiß man ja: Auf keinen Fall im Rhein schwimmen! Die Strömungen, die Schiffe! Und auch der Dreck. Aber ab Basel heißt es wohl eher: Ich lass mich mal ein bisschen mitreißen und steig' dann später wieder aus. Anfangs dachten wir echt die Leute seien lebensmüde und kämen nie wieder ans Ufer. In Stein am Rhein hatte Jenny dann aber die Abenteuerlust gepackt und  wusste, sie würde sich ärgern, die Chance nicht genutzt zu haben. Von einer Brücke in den Rhein springen.... Jawoll. Aber mit sehr zittrigen Knien. Dafür gleich drei Mal hintereinander. 



Das Leben auf dem Fahrrad macht uns richtig Spaß. Wir merken auch, dass wir immer fitter werden, dass wir - wenn wir Lust haben- viele Kilometer machen können und dass wir die Berge immer besser hochkommen. Wir haben schon die nächsten Herausforderungen geplant bzw. im Kopf, aber wir wissen mittlerweile ja auch, dass es bei uns dann doch oftmals anders kommt. Daher schauen wir einfach mal wie es weitergeht. Und erzählen euch dann natürlich davon. 



Viele Grüße vom Bodensee! 

SolidAHRität

Hallo ihr Lieben,
Da sind wir wieder. Fast drei Monate haben wir nun in unserer Heimat verbracht. Wir haben Freunde und Familie besucht und uns überlegt wie und wohin es jetzt für uns weiter geht. Mittlerweile sind wir auch geimpft und haben die Hoffnung, dass es jetzt einfacher wird mit dem Reisen. Wobei wir uns über Teil 1 der Reise echt nicht beklagen können. Wir sind froh über jede Erfahrung die wir machen durften und jeden Menschen, dem wir begegnen durften. Und über all die Abenteuer, die wir bislang erlebt haben.

In der Zeit zuhause haben wir entschieden, dass wir auf Fahrräder umsteigen. Laura besitzt eh schon ein gutes Trekkingrad und Jenny hat sich ein gebrauchtes angeschafft. Dann haben wir uns viel mit nötigem Equipment beschäftigt usw. Ihr glaubt ja gar nicht wie viel es da zu wissen gibt und was man angeblich alles braucht oder doch nicht braucht. Eine Wissenschaft für sich. Wir starteten jedenfalls unserer Meinung nach gut ausgerüstet Ende August von Bad Hönningen.

Wir entschieden uns zunächst ins Ahrtal zu fahren, wo es ein paar Wochen zuvor zu einer Flutkatastrophe gekommen war. 
Wir radelten also nach Ringen, einem Ort der oberhalb des Ahrtals liegt. Dort hat Haribo sein Gelände für das Helfershuttle freigegeben. Das Helfershuttle entstand kurz nach dem Unglück und bringt täglich hunderte und anfangs auch tausende freiwillige Helfer vom Gelände in die betroffenen Gebiete. Gestartet von Privatpersonen und kleinen Unternehmen aus der Gegend, die selber betroffen sind. Viele der Orginasatoren und Helfer haben seit dem ersten Tag nichts anderes mehr gemacht. Das Shuttle nimmt Aufträge von Privatpersonen an und verteilt die Projekte dann an Scouts, die sich wiederum ihre Helfer zusammensuchen. Aktuell handelt es sich um Stemmaufträge oder Aufräumarbeiten. 

Die Ahr hatte sich im Juli innerhalb kürzester Zeit in einen reißenden Fluss verwandelt und riss alles mit sich, was ihr im Weg stand. Bäume, Autos und auch viele Häuser. Es starben über 130 Menschen und es werden immer noch ein paar vermisst. Ein Gebiet von über 50km entlang der Ahr, mit vielen Dörfern auf dieser Strecke gleicht einem Kriegsgebiet. Alles ist verwüstet, vermüllt und verschlammt. Und viele Leute stehen vor den Trümmern, die gestern noch ihr Zuhause waren. Unglaublich! Die Leute haben größtenteils keinen Strom und kein fließend Wasser. An den Straßen stehen Dixiklos und große Tanks mit Brauchasser, die durch die Feuerwehr immer wieder gefüllt werden. Kirchen wurden als Spendenlagern errichtet, Containerdörfer für Betroffene und Helfer aus dem Boden gestampft und Versorgungszelte vom Roten Kreuz und dem THW in den Orten aufgestellt. 

Als wir ankamen, lag das Unglück bereits 6 Wochen zurück. Wir hatten nicht erwartet, dass das was wir sehen, riechen und hören uns so durchrütteln würde. Die Bilder aus den Nachrichten hatten für uns nicht ansatzweise den selben Effekt. Als wir mittendrin standen waren wir geschockt. Es verschlug uns die Sprache. 

Die ersten Aufräumarbeiten waren bereits geregelt, jetzt wurde bei den Häusern das Ausmaß der Zerstörung erstmal sichtbar. Viele Häuser müssen mindestens bis zur Wassermarke abgestemmt werden. Oft innen und außen. Wir waren in einigen Häusern im Einsatz, in denen die Wassermarke mittig im ersten Stock stand! Eine gruselige Vorstellung. Du läufst durch die Orte und es ist einfach unbegreiflich die Markierung zu sehen, die das Wasser an den Hauswänden hinterlassen hat. So ein kleiner Fluss. Kein Wunder, dass die Bewohner sich das auch nicht vorstellen konnten. Es geht nicht in die Köpfe rein. Hinterlassen hat das Wasser Chaos und Trümmer, aber vor allem Fassungslosigkeit und Angst. Gleichzeitig haben wir die Leute, die nach der Katastrophe geblieben sind, unermüdlich arbeiten sehen. Viele Häuser sind verlassen und viele Dörfer wirkten wie ausgestorben. Aber dort wo die Bewohner sich entschieden haben anzupacken, da wird ununterbrochen gearbeitet. Wir können beide Reaktionen verstehen. Zu gehen und nicht wiederkommen zu wollen. Aber auch die Kampfansage "Jetzt erst recht". Wir waren sehr beeindruckt von den Menschen die wir kennenlernen durften und haben größten Respekt vor ihrer Stärke! 

Auch die große Hilfsbereitschaft der Freiwilligen und die Organisation des Helfershuttles haben uns sehr imponiert. Es ist herzerwärmend zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit und Energie so viele Menschen sich unermüdlich engagieren und dafür gesorgt wird, dass "niemand zurück bleibt". Weder Opfer, noch Helfer.

Auch Helfer werden rundum versorgt. Es gibt Ausrüstung, Arbeitskleidung, Getränke, Essen, Werkzeug, Sanitäter, Seelsorger... Wer sich freiwillig engagiert braucht nichts weiter als Motivation. 

Eigentlich wollten wir nur zwei Tage bleiben, doch dann sahen wir das Unglück mit eigenen Augen, hörten Geschichten, die uns erschauern ließen und hatten Begegnungen, die uns rührten und unser Herz erwärmten... So wurden aus zwei Tagen zwei Wochen. Zwei intensive Wochen zwischen Freud und Leid.

Es wird noch Jahre dauern, bis das Ahrtal wieder seine alte Schönheit zurück hat. Es dauert bestimmt noch ein Jahr, bis alle Menschen erstmal in ihre Häuser zurückkehren können.
Es werden leider immer weniger Helfer. Und die Situation für die Betroffenen ist noch sehr dramatisch! 
Aber wir hoffen, dass es weiter geht. Dass die Hoffnung und Zuversicht wächst und alle durchhalten.
Es erdet uns wieder und zeigt uns, dass nichts selbstverständlich ist. Dass von jetzt auf gleich alles anders sein kann.
Es zeigt uns auch, dass das Klima auch vor unserem Wohlstand keinen Halt macht. Aber vor allem hat es uns gezeigt, dass wir als Menschen Großes schaffen und uns gegenseitig Hilfe und Hoffnung geben können, wenn wir zusammen halten.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge haben wir das Ahrtal verlassen.
Wir sind froh, noch ein paar Freunde und Verwandte motiviert zu haben, die weiterhin helfen! Vielen Dank an dieser Stelle! 

Und wir sind sehr dankbar für die Menschen, die wir in der Zeit kennenlernen durften und mit denen wir weiterhin in Kontakt sind. Viele von ihnen sind wieder und/oder immer noch vor Ort. Danke dafür, ihr seid stark! 

Die Menschen im Ahrtal werden noch lange unsere Hilfe brauchen! Und es lohnt sich wirklich, sich zu überwinden. Jeder kann etwas tun.

Sonntag, 23. Mai 2021

Albanien


Seit ca. acht Wochen sind wir in Albanien. Das Land, welches wir schon seit Anfang unserer Reise erkunden wollten. Jetzt sind wir hier. Und wir lieben es! Woran das liegt?
Irgendwie vermittelt uns Albanien so ein Gefühl von „wir sind nicht weit weg von Deutschland“ und „hier ist es schon richtig exotisch“. Albanien ist so anders verglichen mit seinen Nachbarländern. Abgeschottet unter dem Regime von Enver Hoxha von 1944 bis zu seinem Tod 1985, konnte sich das Land kaum so entwickeln wie andere Balkanländer. Die Zeit der Diktatur hat natürlich ihre Spuren hinterlassen. Beispielsweise mit rund 200.000 im Land verteilten Bunkern, die Hoxha aus Angst vor ausländischen Feinden bauen ließ. 


In Tirana besuchten wir einen großen Bunker, welcher heute ein Museum ist. Es wurde in den unterschiedlichen unterirdischen Räumen alles so nachgestellt, wie es zu der Zeit ausgesehen hat. Verhörräume, Präsidentensuite, Sekretariat und und und. Zudem folgt man anhand von Infotafeln dem zeitlichen Geschehen vom Anfang der Diktatur bis zum Tode Hoxhas. Es wird deutlich wie viele Menschen unter dem Diktator litten und wie viele Menschen auch starben. Es gibt einige Ähnlichkeiten zu der Diktatur unter Adolf Hitler oder auch Kim Jong-un in Nordkorea. Uns hilft es immer mehr das Ganze zu verstehen und greifbar zu machen, wenn wir vor Ort sind. Die Orte, die beschrieben sind, zu sehen und mit Leuten zu sprechen, die all dies miterlebt haben.


In Tirana organisierten wir uns einen Mietwagen und düsten drei Wochen durch das Land. Hier herrscht der Verkehr des Grauens und so waren wir clever und holten den Wagen außerhalb der Stadt ab und schworen uns auf keinen Fall mit dem Auto nach Tirana reinzufahren. Aber auch außerhalb wurde es oft abenteuerlich. Verkehrszeichen…wozu? Kreisverkehr: Alle gleichzeitig rein da, am besten nebeneinander und dann durchwurschteln. Ampeln? Ich glaube wir haben 2-3 gesehen. Die Höchstgeschwindigkeiten nimmt anscheinend keiner ernst. Jeder fährt wie es ihm gefällt oder wie es die Straße zulässt. Einerseits rast jeder so schnell er kann und andererseits kann man auf Autobahnabschnitten mit einer erlaubten Geschwindigkeit von 90km/h öfter nicht schneller als 50 fahren, da man sonst mit der Karre in ein überdimensionales Schlagloch fährt. Falls ihr schon einmal Videos gesehen habt, in denen Autos komplett in Löchern versinken und einfach verschwinden, ich glaube das wurde alles hier gefilmt. Eigentlich könnten alle irren Videos hier gedreht worden sein, bei denen man sich fragt wie DAS passieren konnte. Hier wundert man sich über nichts. 

Jedenfalls wurden unsere Erwartungen nicht enttäuscht, sondern eher übertroffen. Das Land ist wunderschön! Wir fuhren die Berge auf und ab, an der Küste entlang, fuhren zu heißen Quellen und hatten oft knallblaue riesige Flüsse neben uns.




Also, wir können hier einiges empfehlen, wie man den Fotos vielleicht entnehmen kann.
Und trotzdem ist es für uns das Land, in dem wir auf dieser Reise bislang am meisten den Kontrast spüren zwischen arm und reich, zwischen alt und neu und zwischen entwickelt und nicht entwickelt.
Die meisten Leute fahren einen fetten Benz, andere können sich nicht einmal einen Traktor für das Feld leisten.



Es werden palastartige Hotels gebaut neben verfallenen Steinhäusern anderer oder gar nebst einem Slum von Roma und Sinti.

Wir fahren an einem wunderschönen Canyon mit einem eisblauen Fluss entlang, bleiben stehen um Fotos zu machen und stehen auf einer wilden Müllkippe.


Ständig laufen wir durch die Straßen und denken uns „Das ist also Albanien“. 5 Minuten später entdecken wir etwas völlig gegenteiliges und merken „Das ist also auch Albanien“. Ein Land der Kontraste.


Was ihr sicher mitbekommen habt und uns am meisten beschäftigt, sind die Straßenhunde bzw. das Tierwohl allgemein. Man sieht überall Straßenhunde, was ja schon seit Griechenland kein fremdes Bild mehr für uns ist. Durch das Auto hatten wir die Möglichkeit Futter zu kaufen und zwischendurch einfach anzuhalten und Hunde mit Futter und Wasser zu versorgen. Die meisten der Hunde sind sehr ängstlich aufgrund schlechter Erfahrungen mit Menschen. Andere Hunde, wie am Strand in Durres, verfolgten uns noch stundenlang und wollten kuscheln und spielen. Schließlich mussten wir in ein Café flüchten, um nicht ein Rudel Hunde mit ins Gästehaus zu schleppen.


In Ksamil entdeckten wir eine Hundemama mit sechs zuckersüßen Welpen. In unserer Zeit dort versorgten wir die Tiere zusammen mit ein paar anderen Leuten und organisierten bei unserer Abreise würdige Nachfolger. Ein kleiner Rüde wurde sogar schon adoptiert.



Nachdem wir das Auto wieder losgeworden waren – wir machten drei Kreuze das nichts drangekommen ist - fuhren wir Ende April mit dem Bus von Tirana in den Norden nach Shkoder. Hier haben wir ein wunderbares und vor allem tierfreundliches Hostel gefunden, in dem wir uns sehr wohl fühlen. 

Am ersten Tag wollten wir direkt einmal die Berge am Shkoder See erkunden. Und fünf Minuten nach Aufbruch fanden wir ein kleines alleingelassenes Katzenbaby. Unter dem Reifen eines parkenden Autos, mitten auf der Hauptstraße. Keine Katzenmama in Sicht, keine Geschwister und vor allem keine Anwohner die damit irgendwas zu tun haben wollten. Also ab zurück zum Hostel. Dort halfen uns alle die Kleine zu versorgen und sie durfte sogar bei uns schlafen. Das arme Ding suchte ständig nach ihrer Mama und gab sich schließlich mit uns als Ersatz zufrieden. Am dritten Tag brachten wir sie in die Tierklinik, die zu dem ortsansässigen Verein „Animals Need Me“ gehört. 

Mit den Leuten standen wir eh schon im Kontakt, da Laura für ihren Geburtstag ja fleißig Spenden sammelte und wir zudem in der dazugehörigen Hundeauffangstation aushelfen wollten. Also brachten wir schweren Herzens aber mit der Gewissheit, dass sich jemand der Ahnung hat 24/7 kümmern kann, die kleine Katze in die Klinik.

Ein Tag nach Lauras Geburtstag waren wir dann das erste Mal bei den Hunden. Hier leben derzeit rund 60 Hunde, die auf der Straße nicht überleben könnten. Kranke Tiere, alte oder eben auch sehr junge. Es gibt viele viele Welpen aber auch viele Hunde, die schon seit Jahren im Heim sitzen. Dies alles erzählte uns Erza. Eine Albanerin, die zusammen mit ihrem österreichischen Mann vor sieben Jahren den Verein „Pro Qen Albania“ gegründet hat und in Shkoder den albanischen Verein „Animals Need Me“ unterstützt. Neben der Versorgung der Tiere im Heim selber und der medizinischen Versorgung in der Tierklinik, werden außerdem so viele Straßenhunde wie möglich gefüttert, wenn nötig medizinisch behandelt und bestenfalls kastriert. Außerdem versuchen Erza und ihr Mann gesunde Hunde zu vermitteln. Einige der Hunde im Heim sind bereits reserviert und werden demnächst nach Italien und Österreich gebracht. Das ist natürlich wunderbar und das beste, was den Hunden passieren kann. Viele Hunde bringen traurige und grausame Geschichten mit. Andere Hunde hingegen leben weiterhin auf der Straße und scheinen sich recht wohl zu fühlen. Auch hier gibt es wieder große Unterschiede. Wir sehen Leute die den Hunden ausweichen oder nach ihnen treten. Aber wir sehen auch Leute auf der Parkbank sitzend einen Streuner streicheln und füttern. 

Wir hatten uns entschieden die nächsten 2 Wochen vor Ort zu bleiben und im Heim auszuhelfen. Inzwischen sind es vier. Und inzwischen haben wir auch schon wieder ein kleines Wesen bei uns aufgepäppelt. Ein kleiner Rüde, der mir beim Joggen vor die Füße lief. Gleiches Spiel wie bei der Katze. Keiner wollte etwas damit zu tun haben und nichts und niemand war in Sicht. Miko verbrachte eine Woche mit uns im Hostel. Quarantäne aussitzen, bevor er zu den anderen ins Heim konnte. Seit Montag ist er nun dort. Und es ist so unheimlich schwer für ihn und für uns das zu akzeptieren. Unsere Beiträge bei What’s App und Facebook dazu habt ihr bestimmt schon gesehen. Mag ihn jemand adoptieren und damit riskieren einen wunderbaren und treuen besten Freund an seiner Seite zu haben? Schaut gerne mal auf Facebook und auf den Webseiten von „Pro Qen Albania“ und „Animals Need Me“ vorbei. Da warten so viele tolle Hunde.


Ach ja, Albanien ist wirklich seltsam. Anstrengend auf jeden Fall. Aufregend und schön und gleichzeitig deprimierend und grausam. Uns hat das Land irgendwie gepackt…